Ein absoluter Höhepunkt vor der Pause waren jedoch Chopins Balladen. In der Ballade Nr. 4 in f-Moll, Op. 52, dem vielleicht komplexesten Klavierwerk Chopins, lieferte Yang eine hochdramatische, emotional stark aufgeladene Interpretation ab. Er erfasste den narrativen, erzählerischen Charakter perfekt. Sein Grundtempo war fließend, geprägt von einem organischen Rubato (Verzögern und Beschleunigen). Er ließ der Musik Raum zum Atmen, zog das Tempo aber in den drängenden Entwicklungsphasen spürbar an. Die komplexe Polyphonie arbeitete er extrem klar heraus, und die berüchtigte Coda meisterte er mit enormer physischer Kraft, halsbrecherischem Tempo und bemerkenswerter klanglicher Transparenz – ein wahrer “Ritt auf der Rasierklinge”, der das Publikum überwältigte.
Unmittelbar danach, in der Ballade Nr. 1 in g-Moll, Op. 23, zeigte er erneut seine tiefe Verbundenheit mit der romantischen Ästhetik. Die rezitativischen Einschübe spielte er sehr sprechend, und die dynamischen Kontraste zwischen dem zarten Pianissimo und den orchestralen Fortissimo-Klangmassen waren meisterhaft ausbalanciert.
Der zweite Teil: Liszts monumentale h-Moll-Sonate
Nach der Pause folgte das unbestrittene Hauptwerk des Abends: Franz Liszts Klaviersonate h-Moll, S. 178. Dieses rund halbstündige, in einem einzigen gewaltigen Satz durchkomponierte Werk gilt als einer der absoluten Prüfsteine der Klavierliteratur.
Das Programmheft versprach zu Recht, dass in dieser Sonate “ein großer dramatischer Bogen” entfaltet wird, in dem sich “Zweifel, Kampf, Hoffnung und Verwandlung” begegnen.
Wer Yangs Umgang mit der hochkomplexen Struktur, den extremen technischen Anforderungen und der existenziellen emotionalen Tiefe in Chopins Balladen erlebt hatte, konnte für den zweiten Teil des Abends bereits erahnen, mit welcher Brillanz und gestalterischen Kraft er sich diesem musikalischen Monolithen von Liszt widmete. Liszts Sonate fordert vom Interpreten genau jene Fähigkeiten, die Yang zuvor so eindrucksvoll demonstriert hatte: orchestrales Denken, enorme physische Ausdauer, ein untrügliches Gespür für große Spannungsbögen und die Fähigkeit, Technik stets in den Dienst des musikalischen Ausdrucks zu stellen. Das Werk fasste den Abend in konzentrierter Form zusammen und vollendete den Bogen von lyrischer Intimität zu existenzieller Größe.
Ein stiller Ausklang
Nach diesem pianistischen Kraftakt zeigte Seunglee Yang erneut großes Feingefühl: Als Zugabe wählte er nicht etwa ein weiteres virtuoses Schaustück, sondern eine Miniatur von maximaler Schlichtheit: Scarlattis Sonate in d-Moll, K. 32. Mit äußerst weichem, kontrolliertem Anschlag und tief nach innen gerichtetem Ausdruck holte er das Publikum emotional ab und sorgte für einen friedlichen, fast meditativen Ausklang des Abends.
Fazit
Seunglee Yang hat in Melchiorsgrund eindrucksvoll bewiesen, dass er ein Pianist mit großer musikalischer Sensibilität und außergewöhnlicher gestalterischer Kraft ist. Sein Konzert war eine tief bewegende Reise, die das Publikum begeisterte. Nach Momenten der andächtigen Stille brach am Ende stets kräftiger Applaus aus, untermalt von lauten “Bravo!”-Rufen, den der junge, große Künstler bescheiden entgegennahm.
Die nächste Gelegenheit eines außergewöhnlichen Klavierkonzerts bietet sich am Sonntag, den 14.06.2026 um 17:00 Uhr: Katie Mahan – „Weltklassik am Klavier – eine Reise nach Paris – der junge Mozart und der ewige Beethoven!!
Reservierungen sind unter Tel.: 0151-125 855 27 oder per Email unter: möglich. möglich.


