Besonders klug ist die Einbindung der Bearbeitungskette Wagner – Busoni – Chernov. Sie macht deutlich, dass die Transformation eines Werks für Klavier kein Verlegenheitsprodukt ist. Busoni und Liszt haben die Bearbeitung als eigenständige künstlerische Kategorie etabliert. Die Library of Congress führt Liszts Werkbestand ausdrücklich in getrennten Reihen für Originalkompositionen einerseits sowie Arrangements und Transkriptionen anderer Komponisten andererseits. Chernov knüpft an diesen Gedanken an, ohne ihn akademisch auszustellen.
Weltklassik am Klavier, Theatersaal Melchiorsgrund, 13. September 2026
Das Konzept:
Alexey Chernovs Programm ist mehr als ein Crossover-Abend mit bekannten Melodien. Seine eigentliche Qualität liegt in der Formidee: Bach, Brahms, Beethoven, Schubert und Wagner stehen nicht dekorativ neben Nirvana, Scorpions, Musical, Film- und Rockmusik. Sie werden über Bearbeitungen, Kontraste und geplante Übergänge zu drei Suiten verbunden. Damit greift Chernov eine zentrale, heute oft zu eng verstandene Tradition des 19. Jahrhunderts auf: das Klavier als Ort der Übertragung, der Verdichtung und der schöpferischen Wandlung fremder Musik.
Überzeugend ist Chernovs Liszt – Perspektive der Salons des vorletzten Jahrhunderts, weil er nicht historisierend tut, sondern das Prinzip der Salon- und Transkriptionskultur in die Gegenwart übersetzt: Das Repertoire der eigenen Gegenwart wird pianistisch hörbar gemacht und mit älteren Werken in ein Gespräch gebracht. Das Programm enthält moderne und teils jüngere populäre Musik sowie Bearbeitungen von Chernov und Alexey Kurbatov. Chernov aktualisiert Liszts Idee nicht durch Kopie, sondern durch Funktion. Sein Klavier wird zum erzählerischen Vermittler zwischen Kanon und Populärkultur.

